Predigt im Narrengottesdienst

Wir dokumentieren hier die Predigt, die Pfarrer Dirk Stoll im „Gottesdienst (nicht nur) für Narren“ gehalten hat.

Euer Tollität, euer Lieblichkeit, liebe Gottesdienstgemeinde!

Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit[1]:Und das führt dazu, daß man sich manchmal auch entscheiden muß. Nun ist das vielleicht nicht so schlimm, wenn es darum geht, dieses oder jenes Shirt zum Sport anzuziehen oder heute die Schnitzel zu braten und dafür morgen das Geschnetzelte (bzw. umgekehrt – es war ja beides im Angebot …). Sicher ist das schon was anderes, ob ich mir dieses Jahr ein neues Auto kaufe – oder das alte noch mal mit viel Aufwand über den TÜV bringe. Ganz besonders schwierig wird es, wenn es sich um „einmalige Gelegenheiten“ handelt.

So etwa wie bei Martin Waßmuth und Nina Minkler, die letztes Jahr gefragt wurden, ob sie vorstellen könnten, in der Jubiläumssession der Gemeinschaft Kasseler Karnevalsgesellschaften das Prinzenpaar zu sein: Zum einen ist es ja das 60. Jahr der GKK, zum anderen ist es in Kassel auch so, daß man eben nur einmalPrinz und Prinzessin sein kann.

Allerdings wie ich euch kenne: Da habt ihr nicht lange nachgedacht – sondern die Angelegenheit beim Schopf ergriffen. Denn Prinzenpaar in einer Jubiläumssession zu sein: Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder …

Und natürlich wußtet ihr ja auch schon, was auf euch zukommen würde – du, Nina, warst ja schon dabei, als deine Eltern vor genau20 Jahren Prinzenpaar waren, und du, Martin, hast ja auch schon vielfältige repräsentative Erfahrungen im Rahmen der Waldauer Entenkirmes gesammelt – unter anderem als (vorerst) letzter männlicher Kirmesvater …

Bei anderen Dingen fällt die Entscheidung natürlich schwerer: Das merkt man schon, wenn es um die Organisation der „Hinterbühne“ geht. Wer macht Küchen-, wer Thekendienst? Und wer bedient die Gäste im Saal?

Da können wir als Kirchengemeinde ja auch ein Lied von singen: Für die Aufgaben, mit denen man im Mittelpunkt, in der Öffentlichkeit steht, findet sich schnell jemand, für das andere aber … Wie heißt das bei Brecht:

Denn die einen sind im Dunkeln

und die andern sind im Licht

und man siehet die im Lichte

die im Dunkeln sieht man nicht[2].

Für die meisten – mich durchaus eingeschlossen – ist es natürlich schöner, im „Lichte“ zu sein – und gesehen zu werden. Obwohl: Ich kenne auch solche, die viel lieber so einen „Hintergrunddienst“ machen, wo man eben „nicht“ gesehen wird. Oder es gibt diejenigen, die sagen: „Ich kann zwar nicht mehr auf der Bühne (oder meinetwegen auch in der Küche) stehen, dafür kann ich aber die Kasse machen“: Sicher auch nicht gerade eine Aufgabe im Scheinwerferlicht, aber hier spielt auch Einsicht in die eigenen Möglichkeiten mit. Dennoch öffnet sich manchmal auch Konfliktpotential: „Ich muß immer das eine machen, darf nie das andere tun“ und ähnliches.

In solch eine Situation geriet – und damit kommen wir sozusagen zum „kirchlichen Anteil“ – auch Jesus, als er in ein Dorf kam. Dort wurde er von einer Frau eingeladen: Ihr Name war Marta. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Die setzte sich zu Füßen des Herrn Jesusnieder und hörte ihm zu. Aber Marta war ganz davon in Anspruch genommen, sie zu bewirten[3].

Ich kenne das von meiner Großmutter: Wenn die Gäste hatte, dann sprang sie ständig zwischen Kaffeetafel und Küche hin und her, achtete darauf, daß die Kaffeetassen auch immer eingeschenkt waren, bot hier und da noch ein Stück Kuchen an – „Oder möchtest du vielleicht etwas anderes?“ Dann wurde eben auch das geholt. Ein vernünftiges Gespräch kam auf diese Weise nicht auf – schon allein deshalb, weil ihre Aufmerksamkeit ja immer darauf gelenkt war, ob hier oder da etwas fehlte …. Aber ein „Nun laß mal, setz dich einfach hin, wir haben von allem genug – und werden es schon sagen, wenn uns was fehlt“ nutzte sich: Es war so ihre Art, Gäste zu betreuen. Ganz nebenbei: Sie hieß tatsächlich auch „Marta“.

Eine Freundin von ihr, die Mutter einer Schulkameradin meiner Mutter, war da anders: Sie saß an der Tafel, ohne daß eine Hektik aufkam. Sie hatte den Tisch vorher durchdacht vorbereitet – und nahm sich jetzt die Zeit, mit ihren Gästen Konversation zu treiben (und höchstens mal ganz unauffällig die Kaffeekanne nachzufüllen – ohne Worte, ohne damit den Gesprächsfluß abzuwürgen).

Maria und Marta: Zwei Frauen, die ihre jeweils eigene Aufgabe in der Situation sehen. Zuhören, Konversation machen die eine, Bewirten die andere. Beide Positionen machen durchaus Sinn – beides wird gebraucht. Und doch hat Marta den Eindruck, sie käme schlechter weg. So wendet sie sich an Jesus: „Herr, macht es dir nichts aus, daß meine Schwester mich alles allein machen läßt? Sag ihr doch, daß sie mir helfen solle!“

Eigentlich ein komisches Verhalten: Soll der Gast etwa den Konflikt richten? Das war – und ist – eigentlich ein gesellschaftlicher Fauxpas, einen Gast in eine solche familieninterne Sache hineinzuziehen. Aber irgendwie sieht Marta wohl keinen anderen Ausweg, um ins Licht zu kommen.

Nun gut. Jesus nimmt sie wahr – und wichtig: „Marta, Marta! Du bist so besorgt und macht dir Gedanken um so vieles.“Ich vermute, es ging Marta runter wie Öl. Jesus nimmt sie bei ihren „Hintergrunddiensten“ wahr – vielleicht sogar mehr, als es der Dank ausdrückt, mit dem wir uns üblicherweise am Ende einer Veranstaltung beim Serviceteam bedanken. Marta! Du bist mit deinem Dienen wichtig! Du hilfst bei dem, was uns allen not tut – du versorgst uns mit Speise und Trank, daß diese uns Genuß bringen.

Aber er nimmt auch Maria wahr, die sich die Zeit nimmt, um ihm zuzuhören. Nicht in dem Sinne, daß sie nur über das Wetter etc. sprechen, sondern sie nimmt sich die Zeit, sich mit weiterführenden Gedanken zu beschäftigten – mit Überlegungen zur Zukunft und dem, was da kommen wird.

Eine Auszeit in einer hektischen Zeit. Einfach auch mal die Seele baumeln lassen, ohne schon gleich wieder an das zu denken, was noch getan werden muß.

So wie wir hier heute morgen: Schließlich haben wir gestern doch (wieder einmal) das Rathaus erobert, den Kaufhof gestürmt und auch noch abends die letzten Gala der Session erlebt. Und heute nachmittag sind dann noch verschiedene Kinderkarnevalsveranstaltungen, die ja auch vorbereitet werden müssen. Insofern sind dort viele „Martas“ eingespannt – und bedauern, jetzt nicht hier sein zu können. Und andere – die „Marias“ – sitzen hier und dürfen sich die Zeit nehmen, Gottes Wort zu hören.

Beides ist wichtig. Es ist vielleicht höchstens für das Prinzenpaar und seine Begleiter ein Privileg, hier sein zu können (denn – da wollen wir gar nichts verschweigen –: Wenn ihr nicht Prinzenpaar wäret, wäret ihr jetzt beim Aufräumen von gestern … Andererseits seid ihr hier im Gottesdienst ja auch eingespannt …).

Aber wenn es auch kein Privileg ist, so ist es doch auch etwas, was euch niemand mehr wegnehmenkann – so sagte es Jesus auch über das, was Maria tat: Das, was Maria gewählt hat, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.

Und deshalb brauchen sich die, die heute hierher gekommen sind, auch keinen Kopp darum zu ma­chen, jetzt andere „im Stich“ gelassen zu haben (und sie alles allein machenlassen). Für euch war (und ist) hier und jetzt die Zeit, zuzuhören. Ob das nun das Bessereist, sei dahingestellt – anders bei der Be­­gründung Jesu: Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. Aber nur eins ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt.Aber da spricht eben Jesus – und nicht ein Pfarrer in einer kurhessischen Dorfkirche (auch, wenn es das „Dorf in der Stadt“ ist). Aber immerhin hofft der dann da­rauf, daß der Heilige Geist schon das Richtige machen läßt …

Wichtig ist aber festzuhalten: Es gibt das Notwendige, was gemacht werden muß, und es gibt etwas, was möglicherweise wichtig ist. Es ist immer wieder unsere Aufgabe, das zu entscheiden – ohne aber da­mit diejenigen, die das andere machen, deswegen sozusagen das Licht zu entziehen, sie ins Dunkel zu stellen. Im Gegenteil: Alle „Martas“ (und damit meine ich natürlich auch die männlichen „Martas“) sol­len ebenso zu sehen sein wie die (ebenfalls auch männlich gedachten) „Marias“, die sowieso zu se­hen sind.

Denn schließlich gilt uns allen ja das Licht, von dem Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nach­folgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben[4]. Dafür hat er sich – an Ende der Zeit, die damit beginnt, daß am Aschermittwoch alles vorbeiist – für uns da­hingegeben, dafür hat er sich uns aber auch im Abendmahl gegeben, was wir nun – in ökumenischer Ver­bundenheit – feiern wollen.

Amen.

[1]Qoh 3,1 (Qoh 3,1—17 war vorangehend der Lesungstext).

[2]Bertolt Brecht: Das Lied von Mackie Messer aus: Die Dreigroschenoper 1928.

[3]Soweit nicht anders angegeben, beziehen sich die kursiv gesetzten Texte auf Lk 10,38-42.

[4]Joh 8,12.

(Rechte beim Autor)

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