Narrengottesdienst gedenkt der Opfer von Gewalt und Terror

Eindrucksvoll haben die Kasseler Karnevalisten am Sonntag in einem Gottesdienst an die Opfer von Gewalt und Terror erinnert. Pfarrer Dirk Stoll verwies auf die Werte des Karneval, auf Offenheit, Vielfalt und Zusammenhalt. Er zeigte auch auf, dass nach der Fastenzeit die Osterfreude folgt. Die Freude über die Auferstehung aller Toten, ein Trost auch für uns Menschen angesichts der Trauer um Verstorbene.

 

Wir dokumentieren hier die Predigt im Wortlaut.

Narrenmesse 2020 Liturgie

Euer Tollität, euer Lieblichkeit, Herr Vizepräsident –

Narrinnen und Narrenesen, liebe Gemeinde!

Mitten im Helau und Alaaf, zwischen gestrigem Umzug, letzter Gala und heutigem Kinderkarneval, zwischen der Weiberfastnacht am Donnerstag und dem Ausklang am Dienstag eine besondere Zeit: Zeit, um auf Gottes Wort zu hören, weiterzuschauen, als es sich im Alltag (und nun gar im Trubel der karnevalistischen Hochzeit) ergibt. Zeit, in die Kirche zu gehen.

Zeit auch, die Gedanken darauf zu richten, was es mit uns macht, wenn wir wieder mitbekommen, daß um uns herum schreckliche Dinge geschehen wie am Mittwochabend in Hanau, wo ein Irrer neun Menschen tötet, nur weil sie Migrationshintergund haben – und das in der Hochzeit des Jahres für viele von uns (und natürlich auch für viele andere). Auch, wenn es nicht das erste Mal ist, daß uns so etwas passiert – die Terrorserie in Paris vor gut vier Jahren erreichte ja auch manchen von uns während einer Sitzung, aber jetzt ist es allemal näher bei uns, nämlich in unserem Bundesland und in unserer Landeskirche (wenn es auch einen Ort betrifft, der sogar noch jenseits von Bau… – der da unten im Süden liegt).

Ein Ereignis welches viel Leid mit sich bringt – und das nicht nur für die Angehörigen der Opfer, denen Kinder, Elternteile, Freunde genommen wurden, aber auch für alle anderen: Die vielen Mahnwachen sind ein Zeichen dafür, aber auch, daß nicht nur in Hanau Karnevalsveranstaltungen abgesagt wurden – auch unsere eigentlich für heute angesetzte „Närrische Stadtverordnetenversammlung“ ist abgesagt und gestern erklommen wir doch die Rathausstufen auch nicht in der sonst üblichen Ausgelassenheit!

Gleichwohl ist es ja nicht so, daß wir deshalb nun gleich alles absagen. Und das letztlich nicht nur, weil wir denen, die sich über das ganze Jahr auf die Session vorbereitet haben, nicht die Freude verderben wollen, uns damit zu unterhalten. Das wäre zwar sicherlich schon ein hinreichender Grund, aber letztlich wollen wir uns ja auch nicht von solchen Gewalttätern in Angst versetzen lassen. Und insofern ist es eben Zeit, nicht in „Sack und Asche“ zu gehen, sondern eben noch die letzten Tage vor der Passionszeit zu genießen – einer Zeit, die dann sowieso irgendwie auf Sterben, auf Tod eingestellt ist (und in der eine traditionelle Fastenzeit stattfindet/-fand, was letztlich dann auch der Ursprung des Karnevals war, wo man es eben noch mal krachen ließ, bevor dann „am Aschermittwoch [..] alles vorbei“ war).

Warum aber fastete man in dieser Zeit? Nun, sicher nicht um abzunehmen – das ist erst eine neuere Entwicklung (aus einer Zeit, wo das äußerliche Erscheinungsbild immer wichtiger wurde, der Körper irgendwie wichtiger wurde als das Seelenheil).

Auch die Begründung des Fastens, die unsere muslimischen Mitmenschen haben, nämlich damit mal zu erleben, „wie es armen Leuten geht, die nichts zu essen haben“ hat zwar auch etwas für sich, ist aber doch nicht der Grund, aus dem die Zeit sich ableitet, die nach den „närrischen Tagen“ beginnt.

Nein, „Fasten“ hat einen anderen Anlaß. Jeder und jedem wird es ja irgendwie „auf den Magen geschlagen“ sein, was da am Mittwochabend geschah. Oder damals, als im letzten Jahr die Nachricht nach und nach durchdrang, daß Walter Lübke ermordet worden sei. Oder wir erinnern uns an jenen Moment bei der Prinzenproklamation, als wir mit gesenkten Standarten dastanden, weil kurze Zeit zuvor unser Ehrenvizepräsident Werner Reiße von uns gegangen war …

Und obwohl es zumindest den meisten von uns schnell klar war, daß für ihn damit eine längere Leidenszeit zu Ende ging, so haben doch einige seine letzten Wochen auch mitgelitten – ohnmächtig danebenstehend, nur hilflose Linderung leistend, ohne zu wissen, wie man in der Lage angemessen reagieren kann.

Und genau so eine Situation ist auch der Auslöser für die bevorstehende Fastenzeit: \emph{Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: Seht doch, wir ziehen jetzt hinauf nach Jerusalem. Dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben: Er wird den Heiden ausgeliefert, die unser Land besetzt haben. Er wird verspottet, mißhandelt und angespuckt werden. Sie werden ihn auspeitschen und töten[1].

Jesus kündigt seinen Tod an – und in seinem Fall eben nicht als alter oder kranker Mann, sondern auf der Höhe des Lebens. Das ist natürlich umso problematischer. Und es wird den Jüngern sicherlich auch auf den Magen geschlagen sein.

Sicher werden sie da auch versucht haben, das, was da in Jerusalem kommen würde, zu verhindern, etwa, indem sie Jesus zu überreden versuchten, doch nach Galiläa zurückzukehren. „Laß uns dort doch erst mal abwarten, wie sich die Sache entwickelt!“ – dort, fernab vom Schuß, irgendwo in der Provinz, irgendwo jenseits von Vellmar und Baunatal …

Es war eine Übergangssituation. Ein Entweder–Oder: Weiterziehen und die Mission erfüllen (selbst wenn sie im Tod endet) oder zurückkehren. Ein Scheidepunkt, ein Rubikon.

Und Jesus entscheidet sich – er geht weiter. Denn er hat seine Gewißheit, die er seinen Jüngern auch mitteilt: Der Menschensohn wird am dritten Tag […] vom Tod auferstehen[2].

Spätestens kommen die Jünger nicht mehr mit: Die Zwölf verstanden kein Wort. Der Sinn dieser Worte blieb ihnen verborgen. Sie begriffen nicht, wovon er sprach[3]. Dennoch folgen sie ihm. Auch wenn sie nicht wissen, warum.

Das ist manchmal nötig: Auch übermorgen stehen wir an solch einem Punkt, einem Wendepunkt. Wenn das letzte Helau ertönt, wir Orden und Kappen niederlegen, ist der Punkt da, an dem auch wir uns auf den Weg machen, nach Jerusalem zu ziehen – wenn wir auch nicht genau wissen, warum.

Sicher waren die Jünger nicht froh, mit solchen Aussichten loszuziehen. Die Nachricht, daß Jesus dort in Jerusalem sterben würde, schlug ihnen auch auf den Magen. Und dementsprechend wird der Appetit auch nicht da gewesen sein, selbst wenn Jesus sein Tun und Handeln genauso weitermachte wie bisher: Er heilte, gab Menschen gute Worte, segnete und verkündete das Reich Gottes.

Und diese Normalität wurde für die Jünger dann auch wieder ganz selbstverständlich – so daß sie am Ende doch wieder überrascht wurden, als Jesus an seinem letzten Abend wieder anfing, von seinem Tod zu erzählen und dabei das letzte Abendmahl mit ihnen feierte, als sie im Garten Gethsemane einschliefen, wo sie doch wachen und beten sollten – und wo dann auch die Festnahme Jesu geschah.

Nicht so überrascht zu werden, dessen sollen wir gewahr werden, indem wir fasten, bewußt etwas weglassen, was eigentlich selbstverständlich ist, was letztlich auch lebenswichtig ist. Das braucht nicht immer nur das Essen zu sein – wie gesagt, „Fasten“ in diesem Sinne ist durch den „Gesundheits- bzw. Fitness–Aspekt“ ja etwas verbrannt.

Deshalb wurde vor einigen Jahren die Fastenzeit durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“ „aktualisiert“: Man verzichtet in dieser Zeit auf etwas, was als selbstverständlich empfunden wird. Da verzichten etwa manche Menschen auf bestimmte Lebensmittel – etwa auf solche, die saisonal gar nicht auf dem Speisezettel stehen würden; ich habe beispielsweise dieser Tage Heidelbeeren gesehen – die natürlich aus Chile, also von der Südhalbkugel, kommen, wo ja jetzt gerade Spätsommer ist.

Da gibt es jene, die auf Autofahrten verzichten … oder auf den täglichen Kaffee … auf Alkohol oder Zigaretten … … oder eben auf die Ausgelassenheit dieser Tage. Es gibt eben eine Zeit, in der das mal nicht dran ist (und das setzt sich teilweise sogar noch in unserer Gesetzgebung fort – wenn beispielsweise am Karfreitag Tanzverbot herrscht oder wir unsere Sitzungen am Totensonntag auch nicht im fröhlichen Reigen beenden dürfen).

Wir haben – zum Glück – im Kasseler Karneval eine gute Tradition, um diesen Übergang zu begehen, indem wir ein Ritual haben, um in den Aschermittwoch zu gehen (statt – wie andere – eben  einfach auf die  Uhr zu schauen und um Mitternacht dann eben einfach nur „alles vorbei“ ist – ohne sich klar zu sein, warum).

Nicht umsonst herrscht danach ja eine wehmütige Stimmung, die dadurch entsteht, daß die Zeit als Prinz, als Prinzessin vorbei ist, daß nicht mehr ausgelassene „Stimmung“ sein muß. Und doch macht das keine Angst. Denn wir wissen: Nach der Fastenzeit wird es wieder anders sein – und  das nicht erst am 11.11., einem Datum, welches noch sooo weit entfernt ist.

Aber wie sagte Jesus: Er würde am dritten Tage […] vom Tod auferstehen … was letztlich nichts anderes heißt,  daß der Tod überwunden ist – seiner wie der anderer: Der Opfer von Hanau, der Opfer von Gewalttaten, derer, die an Krankheit und Alter starben. Und damit haben wir eine Gewißheit, nämlich die, daß wir uns wiedersehen werden, ja mehr noch, daß wir noch nicht einmal jetzt getrennt sind, nur weil wir uns nicht mehr sehen, hören, berühren können. Der Tod ist überwunden, er kann uns nichts mehr anhaben! Und wir können dem Tod dann auch entgegenlachen! Denn – so hörten wir es vorhin in der Schriftlesung – so strömt das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach[4].

Deshalb können wir dann eben auch hinauf nach Jerusalem gehn in leidender Liebe Zeiten. Denn wir wissen: Dort können wir eine größere Wahrheit finden – trotz all dem um uns geschehenden Leides, im Gedenken an wenigstens neun der elf Toten in Hanau, an Walter Lübke und andere Opfer rechtsradikaler oder anderer politischer Wirrköpfe (die sich leider dabei auch manchmal hinter religiösen Begründungen verstecken), im Gedenken an Menschen, um die wir ganz persönlich zu trauern haben, an Menschen, denen wir begegnen in all unserer Ohnmacht: Wir gehen hinauf nach Jerusalem – Lied 545[5].

 

Herr unser Gott, Freude und Leid liegen oft so dicht beieinander. Mitten im Frohsinn des Karnevals werden Menschen ermordet.

Wir stehen fassungslos da. Gib uns Kraft, dies zu ertragen, gib uns Hilfe, damit angemessen umzugehen.

Gott, wir bitten dich für die Toten, für ihre Familien und Freunde, für alle, die verletzt sind an Leib und Seele, für die, die helfen, für die, die in öffentlicher Verantwortung stehen: Laß uns dem Haß widerstehen, der Gewalt, aber auch der Angst, die auch uns lähmt und gleichzeitig wütend macht.

Gib uns – und den Opfern – Frieden, der die Hand zur Versöhnung hinhält.

Wir wissen: Du kennst auch das Leid – die bevorstehende Passionszeit und der Tod am Kreuz von Golgatha zeigen es uns. Hilf uns, unser Leid zu ertragen.

Wir schauen auf das Kreuz und wissen: Es ist nicht das Ende. Du hast den Tod überwunden. Der Ostermorgen bringt uns die Zukunft: Eine Zukunft in deinem Schein. Laß uns zuversichtlich auf diese Freude schauen, laß es uns nicht in unserem Leid, unserer Trauer vergessen.

Gib uns Trost auch dort, wo die Trauer nicht öffentlich ist, laß uns bleiben in der Gewißheit des Wiedersehens in der Auferstehung.

Hilf uns, unsere persönlichen Leiden zu tragen, laß uns nicht verzweifeln, sondern zeige uns auch da Wege der Freude.

In der Stille bringen wir alles das vor Dich, was uns und unsere Nächsten bedrückt und beschwert, aber auch all das Glück, all die Freude, die Du uns bereitest.

 

[1] Lk 18,31–33a (BB).

[2] Lk 18,33b (BB).

[3] Lk 18,34 (BB).

[4] Amos 5,24. Die Lesung selbst war Amos 5,21–24.

[5] Es handelt sich um das Lied „Wir ziehn hinauf nach Jerusalem“ (Nummer im hessischen Regionalteil des Evangelischen Gesangbuchs; neuerdings auch im Ergänzungsheft zum Evangelischen Gesangbuch „Lieder und Psalmen für den Gottesdienst“, Hannover 2018, Nr. 10).

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